© Michael Dörfer

Das neue Jahrtausend

1999 - 2024

01.01.1999

Erste Vorsitzende: Hans Wölcken (2002-2008), Ottokar Groten (2008-2011), Jürgen Pietsch (2011-2012), Horst Postel (2012-2013), Rolf Wilke (2013-2018), Nils Weidmann (seit 2018)

Der Verein wird 125 Jahre - ein Ereignis, das gebührend gefeiert wird: an der Festveranstaltung im Konstanzer Konzil nehmen 450 Gäste teil, es gibt eine Ausstellung, eine Podiumsdiskussion, eine Sternwanderung zur Konstanzer Hütte, eine Jubiläumstour auf Teneriffa und natürlich eine Festschrift. Und es wird das Projekt: „Besteigung aller Schweizer 4.000er durch Mitglieder der Sektion KN“ gestartet. Letztlich werden 141 Besteigungen auf 30 unterschiedlichen Gipfeln verzeichnet.

Die Sektion entwickelt sich auch in jenen Jahren prächtig weiter: die Familiengruppe besteht aus 21 Familien mit 23 Kindern und eine Mountainbikegruppe wird gegründet. Die Jugend bietet 21 Veranstaltungen, an denen über 150 Jugendliche teilnehmen sowie 60 Gruppenabende, 20 Gruppentreffen und 4 Elternabende. Die Senioren in Konstanz sind auf über 30 Wanderungen und Radtouren mit ca. 600 Teilnehmern unterwegs und ein Klettertreff findet regelmäßig am Kletterturm bei der Universität statt. Und die Sektion geht mit den Entwicklungen der Zeit: im Jahr 1999 wird erstmals eine Internetseite freigeschaltet.

Dieses letzte Jahr im 20. Jahrhundert bietet in den Bergen sehr viel Schnee: es gibt starke Lawinenabgänge im Bereich der Konstanzer Hütte mit Lawinenkegel, die bis zu 6 Meter hoch sind und die Brücke über die Rosanna zerstören. An der Hütte selbst gibt es erfreulicherweise nur kleine Schäden, im Winterhaus ist ein Deckenbalken aufgrund der großen Schneelast gebrochen. Und auch bei der Gauenhütte müssen die Schneemassen mit einer Fräse beseitigt werden. Der danach einsetzende Starkregen führt zu Hochwasser, der Keller läuft voll. Im Jahr 2000 endet dann nach 76 Jahren und in der vierten Generation das Zeitalter der Hüttenwirte aus der Familie Tschol auf der Konstanzer Hütte – ein in jener Zeit sicherlich für alle Beteiligten einschneidendes Ereignis.

Die Führung des Vereins wird aufgrund der sich verändernden Rahmenbedingungen immer anspruchsvoller und so treffen sich der Vorstand und die Beiräte in den Folgejahren immer wieder, um über Neustrukturierungen zu beraten. Auf Mitgliederversammlungen werden Satzungsänderungen beschlossen, die auch der Tatsache Rechnung tragen sollen, dass trotz einer weiteren Zunahme der Mitgliederzahl und einer Ausweitung der Strukturen und Angebote im Verein selbst „das Vereinsleben längst nicht mehr so intensiv gelebt wird wie in früheren Jahren“. Die Geschäftsstelle muss aufgrund des Verkaufs des Hauses Neugasse 25 durch den Eigentümer umziehen: sie findet in der Hegaustraße 5 neben neuen Büroräumen auch Platz für einen Versammlungs- und einen Jugendraum sowie Stauraum für den Materialverleih, den es seit einigen Jahren gibt.

Die Konstanzer Hütte erhält das Umweltgütesiegel durch den Bundesverband verliehen und zum „Konstanzer Tag“ anlässlich der Einführung des neuen Hüttenwirtspaares finden sich am Wochenende insgesamt ca. 500 Gäste auf der Hütte ein. Auch ein Tourenleitertag findet statt, das Wegebauteam leistet wertvolle Arbeit und jährliche Sektionstage werden eingeführt – die Wege zwischen Konstanz und dem Verwall sind kurz, der Kontakt ist intensiv.

Nachdem in den vergangenen Jahren das Thema Klettern auch in der Sektion immer größere Bedeutung eingenommen hat, gibt es 2002 erste Überlegungen zu einer eigenen Kletterhalle. Eine Arbeitsgruppe wird gegründet und bald wird klar, dass trotz aller internen Diskussion das Projekt weiterverfolgt werden soll. Als Standort kommen neben einem Neubau in Konstanz die Anmietung des Gebäudes des alten Milchwerks in Radolfzell in Betracht, das von der Stadt zu einem symbolischen Mietpreis angeboten wird. Eine erste Kostenplanung geht von 1,8 Millionen Euro aus. Nach weiterem Hin und Her wird schließlich auf einer Mitgliederversammlung im Jahr 2004 von der Mehrheit von 206 (!) anwesenden Mitgliedern der Beschluss gefasst, „das Projekt Kletterhalle im Milchwerk Radolfzell in einer reduzierten Größe weiter zu verfolgen und bei entsprechender Finanzierbarkeit die Realisierung einzuleiten“.

Nachdem die finanziellen Fragen geklärt werden können, erfolgt im Jahr darauf zunächst die Übergabe des Milchwerks an die Sektion durch den Radolfzeller Oberbürgermeister, bevor das Richtfest und am 22. und 23. Oktober die Eröffnung des „Kletterwerks“ folgt. Jeweils über 1.000 Besuchern an beiden Tagen feiern unter dem Motto „jung, frech, laut, spektakulär“ und bestaunen das neue Standbein der Sektion. 1.400 qm Kletterfläche auf einer Höhe von bis zu 15 Metern, Bouldern auf 200 qm und 200 qm Kinderkletterbereich stehen zur Verfügung, an den Kosten in Höhe von knapp 1 Million Euro beteiligen sich der Bundesverband und der Badische Sportbund mit jeweils 120.000,- € und Mitglieder folgen dem Spendenaufruf. Bereits im Folgejahr wird eine Außenkletterwand ergänzt und die Gründung einer Jugendwettkampfgruppe Klettern ist nur ein Beleg für den Boom, den die neue Halle der Sektion beschert. Die Eintrittszahlen sind nach 6 Monaten doppelt so hoch wie erwartet und die Sektion kann sich in diesem Zeitraum über fast 500 Neueintritte freuen. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen und damit die Befürworter dieses nicht unumstrittenen Projektes um den 1. Vorsitzenden Hans Wölcken bestätigen.

Aber auch die bisherigen Aufgabenbereiche der Sektion erfordern weiterhin Engagement und Finanzmittel. Das Tourenprogramm wird weiter ausgeweitet, bald werden allein in Konstanz mehr als 100 Touren pro Jahr angeboten und die Teilnehmerzahlen übersteigen die 1.000-er Marke. Eine Vortragsreihe „von Mitgliedern für Mitglieder“ wird ebenso eingeführt wie ein Sektionspreis mit Wanderpokal für den besten „Einsatz für Ziele und Ideen der Sektion“. Nachdem sich auch in Konstanz eine Ortsgruppe gebildet hat, wird kurz darauf beschlossen, die Touren aller Ortsgruppen in einem Tourenprogramm für die ganze Sektion zusammenzufassen. Um die Fahrten in die Berge zu erleichtern, wird ein Vereinsbus angeschafft und einige Jahre zur Verfügung gestellt., bevor - auch aus Umweltgesichtspunkten - auf die Nutzung von Carsharing-Fahrzeugen umgestellt wird.

Für alle Mitglieder der Sektion wird in der Region jährlich ein Sektionstag angeboten, der immer von einer Ortsgruppe organisiert wird und mit bis zu 400 Teilnehmern sehr gut besucht ist. Die Jugend erhält weiter Zuwachs und wird daher neu strukturiert, gewinnt den Jugend-Umweltpreis des Deutschen Alpenvereins und setzt eine Wertekommission ein. Und das neue Kletterwerk beflügelt die Entwicklung der Jugend zusätzlich: bald steigt die Zahl der Jugendgruppen auf 12 mit durchschnittlich 12 Kindern und Jugendlichen, die sich in den neuen Räumen in der Kletterhalle regelmäßigen unter der Woche treffen. Außerdem wird ein umfangreiches Tourenprogramm umgesetzt: es gibt Winterlager, Pfingstlager und Trekkingtouren in den nahegelegenen Alpen aber auch in weiter entfernten Regionen.

Auch die Konstanzer Hütte kann ihre Übernachtungszahlen weiter steigern und erreicht bald die 4.000-er Marke. Damit einher steigen aber auch die Ansprüche der Übernachtungsgäste, was zu weiteren Modernisierungsmaßnahmen führt: aus Massenlagern werden Räume mit Stockbetten und Duschen werden eingebaut – Kostenpunkt hierfür sind 65.000,- €. Auf der Gauenhütte wird im Rahmen des jährlichen Arbeitseinsatzes der Sanitärbereich erneuert, einige Jahre später folgen neu gestaltete Schlafräume sowie der Anschluss an die Wasserversorgung der Gemeinde Tschagguns. Und aus heutiger Sicht ebenfalls interessant und erwähnenswert: auf allen Hütten des Deutschen Alpenvereins wird ein Rauchverbot eingeführt.

Dem Verein gehören bald über 6.000 Mitglieder an, in den ersten 5 Jahren nach Eröffnung des Kletterwerks steigt deren Zahl um ca. 30 %. Die Einnahmen erhöhen sich infolgedessen auf eine Größenordnung von ca. 700.000,- €., aber die erhöhte Nachfrage und Inanspruchnahme zweier wesentlicher Bereiche der Sektion fordern auch ihren Preis: die steigenden Eintrittszahlen in der Kletterhalle erfordern eine Ausweitung der Kletterfläche auf 2.600 qm und in der Konstanzer Hütte muss in die Küche und das Hüttenkraftwerk, das bei einem Unwetter beschädigt wurde, investiert werden.

Und auch der Verein selbst passt sich den steigenden Ansprüchen der Mitglieder - wieder einmal - an: neben einer neuen Homepage für die Sektion erhalten auch die Jugend, das Kletterwerk und die Konstanzer Hütte eigene Internetauftritte und die Bücherei wird im Rahmen des Projektes „Bergbuchwurm“ modernisiert. Erhalten bleiben bei allen Änderungen neben der zentralen Ausrichtung der Sektion auf Bergsportaktivitäten immer noch die aus den Gründungsjahren bekannten und stets den Verein begleitenden sozialen Aktivitäten. So wird u. a. das „Projekt 1800“ durchgeführt, an dem u. a. Kinder mit Migrationshintergrund teilnehmen und es wird ein spezielles Klettern für Kinder, die an Diabetes erkrankt sind, angeboten. Und auch Umweltthemen sind weiter präsent, was sich u. a. im über mehrere Jahre stattfindenden Wettbewerb „Mountain by Fair Means“ zeigt. Hierbei sind Mitglieder gefordert, mit so wenig Emissionen wie möglich die Berge zu erreichen.

Auch im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts setzt sich die Mitgliederentwicklung fort: die Zuwächse führen dazu, dass im Jahr 2019 das 10.000ste Mitglied geehrt werden kann. Die Sektion ist längst der größte Verein im Landkreis, einer der größten in Baden-Württemberg und auch innerhalb des Deutschen Alpenvereins liegt er in der Kategorie der größten Sektionen. Damit einher geht die Weiterentwicklung im finanziellen Bereich – und dies wie gewohnt auf der Einnahmen- wie auf der Ausgabenseite. Die Millionengrenze wird überschritten und es sind auch immer wieder Investitionen notwendig: die Konstanzer Hütte wird zunächst um Personalräume erweitert und die Sanitäranlagen werden nochmals saniert. Einige Jahre später ist ein weiterer Umbau notwendig, der u. a. weitere Personalräume, eine vergrößerte Küche, einen Trockenraum, neue Sanitärräume und eine PV-Anlage mit Speicher und Steuerung beinhaltet; die Energieversorgung erfolgt damit ausschließlich regenerativ. Hierfür entstehen Kosten in einer Größenordnung von ca. 1,5 Millionen, die jedoch aufgrund der Zuschüsse durch den Deutschen Alpenverein und den badischen Sportbund nicht alleine getragen werden müssen. Und auch das Kletterwerk wird umfangreich modernisiert, um der weiter gestiegenen Nachfrage Rechnung zu tragen: die Eintrittszahlen steigern sich in eine Größenordnung von über 50.000 pro Jahr.

Darüber hinaus gedeihen auch die einzelnen Abteilungen innerhalb des Vereins prächtig. Die Jugend besteht aus nahezu 20 Gruppen, die von 30 Jugendleitungen geführt werden und in denen sich ca. 250 Kinder und Jugendliche regelmäßig treffen. Die Kapazitätsgrenze ist damit erreicht, sodass in den Mitteilungen Anzeigen „JDAV sucht dringend Jugendleitungen“ geschaltet und Wartelisten eingeführt werden. Das Programm wird stetig erweitert und bietet Veranstaltungen wie Winterlager, Winterwochenende, Skitouren-Wochenende, Tourenlager Berner Oberland, Orientierungs- und Wetterkunde-Schulung, Skiexpedition Armenien, Pfingstlager, Hochtourenkurs Silvretta, Outdoor-Erste-Hilfe-Kurs oder eine einwöchige Tour „umsonst durch Deutschland“. Und auch in organisatorischer Hinsicht entwickelt sich der Jugendbereich: eine erste Jugendvollversammlung findet statt und verabschiedet eine eigene Jugendordnung. Die Familiengruppen treffen mit ihren Angeboten ebenfalls das Interesse von Mitgliedern, sodass deren Zahl auf 3 ansteigt; in einem Jahr finden 52 Ausfahrten mit über 1.000 Teilnehmern statt. Die Senioren unternehmen im gleichen Jahr 69 Wanderungen, 10 Radtouren und 2 Wanderwochen mit insgesamt ca. 1.300 Teilnehmern. Und die Mountainbiker sind u. a. am Comer See und am Gardasee oder auf der Alpe Devero unterwegs.

Das allgemeine Tourenprogramm beinhaltet ein umfangreiches und breites Angebot. Die 70 Tourenleitungen bieten über 160 Touren und dabei Inhalte wie Freeride- und Skitouren-Wochenenden, eine Skitour am Ortler, Hochtourentage in den Berner Alpen, den Walliser Alpen und im Mont Blanc-Gebet, eine Watzmann-Überschreitung und 24-Stunden-Wanderungen oder Klettersteigkurse. Das Projekt „Via Alpina“, in dessen Rahmen über mehrere Jahre verteilt der „Rote Weg“ vollständig absolviert wird, zählt dabei sicherlich zu den Besonderheiten.

Das gesellige Vereinsleben in Konstanz tritt weiter in den Hintergrund, da die Nachfrage nachlässt. Eine besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang sicherlich die Öffnung des traditionell und über lange Jahre ausschließlich den Männern vorbehaltene Kartoffelfest auch für Frauen. Dies führt zunächst zu langen und kontroversen Diskussionen; zwischenzeitlich ist die Neuausrichtung aber allseits akzeptiert und erfreut sich großer Beliebtheit und Nachfrage: bei der Feier und der damit verbundene Ehrung von Jubilarinnen und Jubilaren im traditionellen Barbarossa sind stets alle Plätze belegt.

Die letzten Jahre dieses 150-jährigen Zeitraums bestimmt haben sicherlich die Schaffung der Funktion einer Geschäftsführung, der Kauf des Kletterwerks, die Corona-Pandemie und das Thema Klimaschutz. Doch der Reihe nach:

Im Zuge der Weiterentwicklung der Sektion auf Basis der gestiegenen Ansprüche und zunehmenden Anforderung wurde im Jahr 2020 die Stelle einer hauptberuflichen Geschäftsführung neu geschaffen, um damit auch die Arbeit im Verein und in der Geschäftsstelle neu auszurichten und professioneller zu gestalten.

Nachdem schon länger darüber verhandelt wurde, konnte im gleichen Jahr der Kauf des Kletterwerks realisiert werden. Damit ist die Grundlage für eine weiter erfolgreiche inhaltliche und bauliche Entwicklungen gegeben.

Die Corona-Pandemie, die die Jahre 2020 und 2021 in Deutschland maßgeblich geprägt hat, hat auch den Verein massiv beeinflusst. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen konnten Veranstaltungen und Touren nicht stattfinden, kam es zu Schließungen des Kletterwerks, der Gauenhütte und der Geschäftsstelle und zu Einschränkungen im Betrieb der Konstanzer Hütte und das Vereinsleben insgesamt kam nahezu zum Stillstand. Und auch nach Ende der Pandemie bedurfte es viel Zeit und Energie, um wieder an die Zeit vor diesem Ereignis anzuknüpfen.

Und zu guter Letzt sei noch das Thema Klimaschutz erwähnt. Diesem Bericht ist zu entnehmen, dass unsere Umwelt schon immer im Fokus der Verantwortlichen des Vereins stand. Die aktuellen diesbezüglichen Herausforderungen haben aber darüber hinaus den Deutschen Alpenverein dazu bewogen, dieses Thema besonders in den Blick zu nehmen: es wurde der Beschluss gefasst, dass der DAV mit all seinen Sektionen bis 2030 klimaneutral werden soll und dieser Herausforderung stellt sich auch die Sektion Konstanz mit all ihren Einrichtungen, Bereichen und Aktivitäten.