© DAV Konstanz

Die Nachkriegszeit und das Wirtschaftswunder

1949 – 1973

01.01.1949

Erste Vorsitzende: Karl Volz (1950-1974)

Auch Ende der 40er Jahre sind die Auswirkungen des Krieges noch in allen Belangen des Lebens spürbar und dies wirkt sich auch auf den Verein aus. Auch wenn es Versuche der Wiederbelebung gibt, werden diese doch durch die französische Besatzungsmacht untersagt. Nach mehreren Anläufen wird dann schließlich im Jahr 1949 die „Bergsteigervereinigung e.V.“ in Freiburg mit französischer Genehmigung gegründet und infolgedessen am 19.01.1950 auch deren Ortsgruppe in Konstanz, die dann bereits Ende des Monats in „Alpenverein Konstanz“ umbenannt werden darf. Damit ist ein Grundstein gelegt, um die Aktivitäten wieder aufzunehmen, wenngleich festgestellt wird, dass das „Vereinsvermögen in ein Nichts zerronnen ist“ und die Konstanzer Hütte und die Skihütte am Hohen Freschen aufgrund der Grenzsperre nicht erreichbar sind.

Ab dem Bergsommer 1950 können dann jedoch bereits wieder Touren in der Schweiz unternommen werden. Der Mitgliedsbeitrag für A-Mitglieder wird auf 8 D-Mark, der für B-Mitglieder auf 5 D-Mark festgesetzt, die erste Nachkriegsausgabe der Mitteilungen erscheint und auch das Kartoffelessen findet erstmals wieder statt. Die nächsten Jahre sind sehr dynamisch und damit auch Zeugen des Aufschwungs: die Sektion lädt zur Fasnachtsveranstaltung und zum Frühlingsfest, eine Hütte in Imberg nahe Sonthofen dient als Stützpunkt für Skifahrer und jeden ersten Freitag im Monat trifft man sich im Barbarossa zu Vorträgen und geselligem Beisammensein.

1951 gibt der Bundesverband eine neue Satzung heraus, die auch in Konstanz übernommen wird und auch die neu eingeführte Unfallversicherung wird den Mitgliedern angeboten. Bereits ein Jahr später können wieder Touren nach Österreich angeboten werden, auch wenn zunächst noch ein Reisepass bei der Einreise vorzuzeigen ist.

Die Familie Tschol übernimmt 1952 wieder die Bewirtung der Konstanzer Hütte und auch die Alpe Furx wird wieder angemietet – leider jedoch nur für ein Jahr, da sie durch einen Brand zerstört wird. Die Sektion sucht einen neuen zweiten Standort und wird im Montafon fündig: ein Pachtvertrag für die Vollspornhütte im Gauertal wird 1954 abgeschlossen, zu einer jährlichen Pacht in Höhe von 1.000 D-Mark. Und das Interesse an der neuen Hütte ist überraschend groß: sie verzeichnet bereits in den Anfangsjahren 868 Übernachtungen – die Konstanzer Hütte im Verwall hatte im gleichen Jahr lediglich 469 Übernachtungen zu verzeichnen. Und im Jahr 1956 erhält die Sektion, ein Jahr nach Abschluss des Deutschlandvertrages, der formell die Besatzungszeit beendet, die Konstanzer Hütte wieder in ihr Eigentum zurück. Diese hat zwar zwischenzeitlich gelitten und ist umfangreich sanierungsbedürftig und auch die Wege müssen instandgesetzt werden, aber helfende Hände sind ausreichend vorhanden – die Freude über die wieder zugängliche Bergwelt ist riesig. Hierzu trägt sicherlich auch bei, dass der Deutsche Alpenverein wenige Jahre später mit den nun wieder befreundeten Verbänden des Österreichischen und Italienischen Alpenvereins das sogenannte „Gegenrecht“ für Mitglieder vereinbart, dass Vergünstigungen auf den jeweiligen Hütten bietet.

Zum 80-jährigen Jubiläum im Jahr 1954 findet in Konstanz wieder eine Hauptversammlung des Deutschen Alpenvereins statt. Das „Edelweiß-Konzil“, das von 179 Sektionen besucht wird, bietet neben dem üblichen umfangreichen Arbeitsprogramm auch einen Konstanzer Abend, einen Festakt im Stadttheater, eine Säntisbesteigung sowie eine Fahrt zum Luganer See. Und im Jahr darauf wird auf die Konstanzer Hütte geladen: das 70-jährige Hütten-Bestehen wird gebührend in großer Runde mit Vertretern der Alpenvereine, der befreundeten Sektionen und der Sektionen der umliegenden Hütten gefeiert.

Es geht weiter aufwärts in Deutschland und in der Sektion: die Folgen des Krieges sind zwar noch spürbar, aber zunehmend kommen auch wieder Vereinsaktivitäten in den Blick. In Singen und einige Jahre später auch in Radolfzell werden Ortsgruppen gegründet, die eigene Programme bieten und insgesamt gehören der Sektion zu dieser Zeit um die 1.000 Mitglieder an, 100 davon sind „Jungbergsteiger“. In den Mitteilungen, die bald wieder einen Umfang von 24 Seiten aufweisen und bebildert sind, wird über das Tourenprogramm sowie Besteigungen, Überschreitungen, Ski-Hochtouren und viele weitere Aktivitäten informiert. Unter anderem bezwingen im September 1959 insgesamt acht Dreierseilschaften den Patteriol, es gibt ein Winter-Tourenprogramm mit 10 Terminen, denen im Sommer weitere 16 Ausfahrten folgen und auch Kletterkurse werden zunehmend angeboten. Auf die Potentiale der Bücherei wird hingewiesen.

Auch die festlichen Aktivitäten nehmen wieder Fahrt auf: regelmäßig über 100 Teilnehmer feiern die männlichen Jubilare auf dem Kartoffelfest, das zu jener Zeit wie folgt beschrieben wird: „Kartoffelessen ist ein kulinarisches, materialistisches, unpolitisches, gastronomisches, musisches, philosophisches, humoristisches, geistiges, finanzielles, konstanzerisches, herrenabendliches, barbarossaistisches, herbstliches, jährliches, einmaliges Ereignis innerhalb der Sektion des DAV Konstanz“. Das „zu Ehren unserer Damenwelt geschaffene Frühlingsfest“ findet in diesen Jahren auf der Insel Reichenau statt. Und das winterliche Vortragsprogramm beinhaltet nicht selten 5 Termine mit „namhaften Rednern und Lichtbildnern“.

Anfang der 1960-er-Jahre „platzt dann die Konstanzer Hütte an schönen Wochenenden aus allen Nähten“, sodass eine Erweiterung auf 19 Betten und 51 Lager sowie die Erneuerung der Küche wie auch der Damen- und Herrenwaschräume umgesetzt wird. Die Baukosten in Höhe von 100.000 D-Mark zzgl. 12.000 D-Mark für den Wegebau stellen zwar eine Herausforderung dar, die aber geschultert werden kann. Zur Einweihung mit zünftigem Hüttenabend, Feldmesse und Bergpredigt kommen zahlreiche Gäste. Mit der Alpengenossenschaft „Zweidrittelgericht“ wird eine Wegegemeinschaft gegründet, um den Zugang ins Tal gemeinsam sicherzustellen, der Ende des Jahrzehnts die Illwerke beitreten. Zu dieser Zeit gibt es in der Bodenseeregion immer wieder auch sehr kalte Winter und so erleben die Konstanzer 1963 die bisher letzte komplette Seegrförne: die Sektion ruft auf dem zugefrorenen Bodensee zur „Bodenseegletscher-Hatsch“ auf.

1965 findet dann ein Ereignis statt, dass die Sektion aufschreckt: bei einem Bergsturz bei der Konstanzer Hütte aufgrund starker Regenfälle donnern zigtausend Kubikmeter Erdreich ins Tal. Der Bergwald schützt die Hütte und es gibt keine Opfer zu beklagen, sodass die Sachverständigen des Landes Tirol die Hütte zum weiteren Betrieb freigeben; es muss lediglich ein Erdschutzwall aufgeschaufelt werden - eine Entscheidung, die Jahre später dramatische Folgen haben wird.

In diese Zeit fällt auch offizieller Besuch des Konstanzer Oberbürgermeister „mit einem stattlichen Gefolge der Stadtverwaltung“ auf der Hütte. Anlass hierfür ist ein Hinweis eines Studienfreundes auf einer Postkarte, der zufolge „er nicht verstehen könne, dass der OB noch nie die Hütte, die den Namen der Stadt Konstanz trägt, besucht habe.“ Das lässt sich der Oberbürgermeister nicht zweimal schreiben.

Und ein weiteres Ereignis lenkt den Blick ins Verwall: auf dem Patteriol wird ein Gipfelkreuz gesetzt. Es ist 3,30 Meter hoch und über 48 kg schwer, 18 Personen tragen inklusive Zubehör insgesamt 4 Zentner hinauf, die ganze Aktion dauert 15 Stunden. Im Jahr darauf folgt die Weihung.

Erstaunen dürften Gedanken zum Naturschutz aus jener Zeit, die in den Mitteilungen veröffentlich werden: „Der Naturschutz ist zu einer Existenzfrage der Menschheit geworden. In vielen Fällen wird die zu schützende Natur wirtschaftlichen Vorteilen geopfert - und da tritt die Sorge um die Erhaltung der Landschaft mit ihrer Tier- und Pflanzenwelt ganz besonders in den Vordergrund“. Ist das zu dieser Zeit grundlegend Thema, oder gibt es im Alpenverein hierzu ein ausgeprägteres Bewusstsein?

Die bestehende Satzung wird mehrfach überarbeitet und damit aktuellen Gegebenheiten und Entwicklungen angepasst. 1966 verweist sie darauf, dass „die Sektion unpolitisch ist; politische Angelegenheiten zu erörtern oder zu verfolgen ist unstatthaft“. Neue Mitglieder müssen weiterhin bei Vereinseintritt durch zwei Mitglieder vorgeschlagen werden, worauf der Vorstand über die Aufnahme entscheidet. Neu festgelegt wird die Amtsperiode des Vorstandes, die sich nun auf 3 statt 2 Jahre beläuft. Ende der 60er Jahre schließt der Bundesverband eine Gegenrechtsvereinbarung mit dem Schweizer Alpenverein und kurz darauf beginnt die Freundschaft mit dem SAC „Am Albis“.

Die Konstanzer Hütte und ihre weitere Entwicklung bleiben auch in den Folgejahren zentrales Thema im Verein. Die Übernachtungszahlen entwickeln sich dynamisch in Richtung 2.500 Übernachtungen, der Winterraum wird ca. 150-mal in Anspruch genommen. Zu dieser Zeit regelmäßig stattfindende Saison-Abschlusstage führen 70 bis 80 Mitglieder ins Verwall und auch finanziell wird ihrer Bedeutung Rechnung getragen: so wird z. B. in einem Jahr bei Beiträgen in Höhe von 32.000 D-Mark ein Saldo in Höhe von 14.500 D-Mark erzielt und wie folgt verwendet: „Der beachtliche Saldo wird einem dringend notwendigen Hüttenfonds zugeführt, da in nächster Zeit für Hütten und Wege größere Ausgaben notwendig werden.“ Ergänzend zu umfangreichen Baumaßnahmen sind immer wieder auch kleinere Herausforderungen gegeben: so wird in einem Jahr von Schneemassen im Verwall berichtet. Noch Anfang Juli liegt der Schnee bis zu 5 m hoch, sodass ein 3-tägiger Einsatz eines Kettenfahrzeugs erforderlich ist, um den Weg freizubekommen. Lawinenabgänge sind aufgrund starken Schneefalls in Verbindung mit steilem Gelände immer wieder zu verzeichnen.

Auf der Vollspornhütte werden bis zu 1.000 Übernachtungen verzeichnet, u. a. finden sich hier regemäßig an Ostern Mitglieder zu Winteraktivitäten ein. Daher wird mit Bedauern aufgenommen, dass der Pachtvertrag nicht verlängert wird.

Umgehend wird nach einem Ersatz Ausschau gehalten und so erwirbt die Sektion ganz in der Nähe eine Maiensäß - die Gauenhütte - zu einem Preis von 37.500 D-Mark. Zum damaligen Zeitpunkt verfügt dieses Haus über 5 Zweibettzimmer, Stube, Küche, Abstellraum, Keller mit Waschgelegenheit, WC sowie Holz- und Geräteschuppen. Diese zweite Hütte wird in den folgenden Jahren und Jahrzehnten aus- und umgebaut und bietet einen beliebten Standort im Montafon – bereits im Jahr nach dem Kauf sind 450 Übernachtungen belegt.

Auch in der näheren Umgebung werden die Aktivitäten deutlich ausgeweitet und treffen dabei auf reges Interesse: so gibt es Touren auf die Hohe Kugel (35 Teilnehmer), die Kanisfluh (45 Teilnehmer), die Schesaplana (32 Teilnehmer) und praktisch vor Ort beteiligen sich 60 Personen an einer Frühlingswanderung auf den Schienerberg sowie gar 75 an einer Donautalwanderung. Im Winterprogramm werden weiterhin regelmäßig Vorträge angeboten, in diesem Rahmen ist u. a. Reinhold Messner vor Ort, um über seine Nanga-Parbat-Expedition zu berichten.